Bern, 22. März 2017
Letzte Woche hat der Ausschuss für Risikobewertung (RAC) der europäischen Chemikalienagentur (ECHA) sein Gutachten über Glyphosat veröffentlicht. Dieses bestätigte erneut, dass das Gift schwere Augenschäden verursachen kann und giftig für Wasserlebewesen ist. Das Gutachten kam allerdings zum Schluss, dass Glyphosat weder krebserregend sei, noch mutagene oder fortpflanzungsschädigende Eigenschaften aufweise. Gemäss der Medienmitteilung (1) seien die Kriterien um Glyphosat als krebserregend einzustufen aufgrund der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht gegeben.

Damit steht das Gutachten der ECHA im Widerspruch zum Urteil der Krebsagentur der Weltgesundheitsorgansiation WHO IARC aus dem Jahr 2015, welches Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufte und ignoriert des weiteren die Warnungen von über 90 unabhängigen WissenschaftlerInnen.

In einem offenen Brief an die EU-Kommission versichern die WissenschaftlerInnen, dass die Bewertung der IARC die Ergebnisse der wissenschaftlichen Literatur über Glyphosat akkurat widerspiegle. Dahingegen stellen sie die Bewertungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), sowie des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) auf deren Daten der Bericht der EFSA beruht und die zu einem gegenteiligen Schluss kommen, in Frage. Das BfR habe in ihrer Analyse gegen etablierte OECD Richtlinien verstossen. Zudem sei deren Literaturrecherche weder offen noch transparent gewesen. Unabhängige Wissenschaftler haben so nicht die Möglichkeit diese Studien einzusehen und die Versuche zu reproduzieren oder zu evaluieren. Die IARC habe im Gegensatz dazu nur öffentlich zugängliche wissenschaftliche Literatur von Wissenschaftlern die in keiner Weise mit der Chemieindustrie affiliiert sind analysiert (2). „Nun haben wir ein weiteres Gutachten, dass sich im Wesentlichen auf die Daten des Bundesinstituts für Risikobewertung beruft und die relevante wissenschaftliche Publikationen ignoriert, die erhöhte Krebsraten bei Mäusen festgestellt haben“, meint CSS Mitglied Christopher Portier. „Das Gutachten der ECHA verstösst damit gegen das Vorsorgeprinzip und geht zu Lasten der Umwelt und potentiell der Gesundheit von Millionen von Einwohnern der EU“, so Portier weiter.

In seinem Bericht der letzten Monat veröffentlicht wurde, kritisiert auch der Toxikologe Peter Clausing die Gutachten der Europäischen Behörden scharf. Er verweist auf wissenschaftliche Mängel sowie wissenschaftliches Fehlverhalten (3). Der allgemeine Unmut über die mangelnde Transparenz im Klassifizierungsprozess Europäischer Behörden wächst weiter. Im Vorfeld der Veröffentlichung des ECHA Gutachtens haben bereits 20 Europäische Gesundheits- und Umweltorganisationen die Transparenz und Unbefangenheit der ECHA in einem offenen Brief in Frage gestellt. Darin wird einerseits kritisiert, dass die ECHA ihre Gutachten auf unveröffentlichte Studien der Industrie basiert. Andererseits verweisen sie auf Verbindungen zur Chemieindustrie und somit Interessenskonflikte des Vorsitzenden, sowie zweier Mitglieder des Ausschusses für Risikobewertung der ECHA (4,5).

Doch der Unmut wächst nicht nur in Europa. In den USA beschuldigen Hunderte von Klägern Monsanto’s Herbizid Roundup habe bei Ihnen oder ihren Familienangehörigen zur Entwicklung von Non-Hodgkin-Lymphom geführt. Nur Stunden vor der Ankündigung des ECHA Gutachtens hat ein Richter in San Francisco unversiegelte Gerichtsdokumente veröffentlicht, die Verknüpfungen zwischen Monsanto und der US Umweltschutzbehörde (EPA) aufdecken. Die Dokumente zeigen auf, dass Jess Rowland, damaliger EPA Verantwortlicher für die Einschätzung des Krebsrisikos von Roundup, Monsanto über die IARC Klassifizierung von Glyphosat vorgewarnt und damit ermöglicht hat, dass Monsanto bereits vor der Publikation einen PR-Angriff auf die Resultate vorbereiten konnten. Des weiteren soll Rowland einem leitenden Monsanto-Mitarbeiter gesagt haben er würde versuchen zu verhindern, dass das US Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste eine eigene, separate Revision durchführt. Diese Untersuchung fand jedenfalls niemals statt.

Veröffentlichte interne Emails von Monsanto deuten ausserdem darauf hin, dass Monsanto auch nicht vor Ghostwriting zurückschreckt. So habe der bei Monsanto für Produktsicherheit verantwortliche Mitarbeiter, William F. Heydens vorgeschlagen, dass Monsanto Glyphosatforschung lieber gleich selber verfassen und von Akademikern nur noch unterschrieben lassen könnte. Monsanto dementiert derweil alle Ghostwriting Vorwürfe (6-7).

Das Gutachten der ECHA wird eine wichtige Rolle spielen wenn die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten dieses Jahr über die Erneuerungszulassung von Glyphosat entscheiden. Die Zulassung für Glyphosat ist in der EU eigentlich am 30. Juli 2016 ausgelaufen. Aufgrund von Uneinigkeit über das Risiko von Glyphosat wurde die Genehmigung von der EU-Kommission jedoch um eineinhalb Jahre verlängert um das Gutachten der ECHA abzuwarten. Derweil haben fast eine halbe Million EU Bürgerinnen und Bürger eine im Februar gestartete Europäische Bürgerinitiative unterschrieben, die zum Ziel hat Glyphosat in Europa zu verbieten (8). Kommen bis Ende Januar 2018, eine Million Unterschriften zusammen, muss die EU-Kommission dazu öffentlich Stellung nehmen und entscheiden ob ein neuer Gesetzesvorschlag ausgearbeitet werden muss.

Die Entscheidung der EU-Behörden wird sich auch auf eine allfällige Überprüfung der Zulassungsbewilligung für Glyphosat in der Schweiz auswirken. In der Schweiz kommen jährlich rund 300 Tonnen Glyphosat zum Einsatz (9). Studien von Konsumentenschutz-Organisationen zeigen auf, dass sich bei fast 40% der Schweizer Bevölkerung im Urin Glyphosatrückstände nachweisen lassen (10). Als Reaktion auf die Klassifizierung der IARC haben die Grossverteiler Migros und Coop Glyphosat im May 2015 aus ihrem Sortiment entfernt (11, 12). Doch das genüge nicht um die Schweizer Bevölkerung vor Glyphosat zu schützen, meint CSS Mitglied Edward Mitchell: „Um zu garantieren, dass unsere Lebensmittel frei von Glyphosat und anderen schädlichen Pestiziden sind, muss die Schweiz deren Einsatz verbieten und sicherstellen, dass keine pestizidbelasteten Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden“. Mitchell ist Mitglied des apolitischen Komitees „Futur 3.0“ welches sich genau dieses Anliegen zum Ziel gemacht hat. Das Komitee hat 2016 die Volksinitiative ‚Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide’ lanciert. „Die wissenschaftlichen Unsicherheiten über das Gesundheitsrisiko von Glyphosat sollten genügen, um im Sinne des Vorsorgeprinzips ein weltweites Verbot auszusprechen. Doch die Debatte geht längst über wissenschaftliche Argumente hinaus“, meint Mitchell weiter. „Um den Schutz der Umwelt und der Bevölkerung zu gewährleisten, sehen wir es als unerlässlich an, auf den Einsatz von synthetischen Pestiziden in der Landwirtschaft zu verzichten.“

Kontakte:

Edward Mitchell, CSS Mitglied 032 718 23 45

Christopher Portier, CSS Mitglied 079 605 79 58

Referenzen:

  • (1)  https://echa.europa.eu/de/-/glyphosate-not-classified-as-a-carcinogen-by-echa

  • (2)  https://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/Prof_Portier_letter.pdf

  • (3)  http://www.pan-germany.org/download/The_Carcinogenic_Hazard_of_Glyphosate.pdf

  • (4)  http://www.greenpeace.org/eu-unit/en/Publications/2017/ECHA-response-heightens-concerns/

  • (5)  http://www.greenpeace.org/eu-unit/Global/eu-unit/reports-briefings/2017/20170306_Open_Letter_ECHA_CoI_Concerns.pdf

  • (6)  https://www.nytimes.com/2017/03/14/business/monsanto-roundup-safety-lawsuit.html?emc=edit_th_20170315&nl=todaysheadlines&nlid=69512715&_r=1

  • (7)  https://www.bloomberg.com/news/articles/2017-03-14/monsanto-accused-of-ghost-writing-papers-on-roundup-cancer-risk

  • (8)  https://stopglyphosate.org

  • (9)  https://www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Themen/Pflanzenschutz/150616_Fakten_zum_Glyphosat_2_fr.pdf

  • (10)  http://www.swissinfo.ch/ger/ein-potentiell-schaedliches-herbizid_glyphosat-sorgt-auch-in-der-schweiz-fuer-diskussionen/42214444

  • (11)  http://www.coop.ch/pb/site/medien/node/82126566/Lde/index.html?wt.mc_id=1_MM_NL,2_KW2015-21,3_active&mtype=nl

  • (12)  https://www.schweizerbauer.ch/pflanzen/pflanzenschutz/migros-kippt-glyphosat-aus-sortiment-22482.html